
Auf Wiedersehen. Adieu. Good-bye. Zu den ersten Worten, die ein Mensch lernt, sowohl in der eigenen Sprache als auch in einer Fremdsprache, gehört das Wort „Abschied“. Das Wort umschreibt eine Grunderfahrung unseres Lebens; und wir wissen intuitiv, was die Dichterin Hilde Domin meint, wenn sie schreibt: „In mir ist immer / Abschied.“
Auch in mir ist Abschied, wenn ich mich zum Sommerende verabschieden muss, um eine neue Stelle in der Stadtkirchenarbeit anzutreten. Da ich fast so lange wie unser Namenspatron, der Heilige Nikolaus, an der Alten Nikolaikirche gewesen bin, wird mir der Abschied gewiss nicht leicht fallen.
„Abschied ist ein bisschen wie Sterben,“ sang Katja Ebstein vor 30 Jahren. Da ist ja in der Tat etwas dran. Denn bei jedem Abschied lassen wir ein Stück von uns selbst zurück, müssen uns vom Vertrauten lossagen und uns neu orientieren. Aber nur so kommen wir weiter und nur so nähern wir uns Gottes Ziel für unser Leben.
Ein Abschied in der Gemeinde erinnert daran, dass wir – und das immer wieder – Abschied nehmen müssen: von den langen Sommertagen wie von den Jahren selbst, von geliebten Menschen und von Lieblingsorten, von Beruf und sinngebenden Aufgaben, aber auch von unerfüllten Träumen und unausgeführten Plänen. Und jeder kleine Abschied erinnert daran, dass man eines Tages auch von diesem Leben Abschied nehmen muss.
Auf Wiedersehen. Und was nehme ich nun mit, was werde ich vermissen? Ich liebe zwar dieses Kleinod, die Alte Nikolaikirche, die so viel Geborgenheit und Ruhe schenkt, vermissen werde ich aber die Menschen – langjährige Gemeindeglieder und Mitarbeitende, deren Treue und Engagement mir Gottes wirkenden Geist immer wieder beweisen; – Gottesdienstbesucher, die einen weiten Weg auf sich nehmen oder dem trüben Frankfurter Wetter trotzen, um Gott zu loben und ihm ihren Dank zu zeigen; – Touristen und Passanten, Messebesucher und Ruhesuchende, deren auch so kurze Besuche in der Kirche bereichernd und Gewinn bringend sind.
Auch wenn die eigenen Fußabdrücke früher oder später verschwinden, darf ich unzählige erfreuliche, tief bewegende Erinnerungen mitnehmen, dazu einen vertieften Glauben und Freude ohne Ende an Begegnungen und Beziehungen. Das wird mir und uns bleiben.
Die zahlreichen Beispiele vom Abschiednehmen in der Bibel machen deutlich, dass jeder Abschied eine große Chance, einen neuen Anfang in sich birgt. Das Loslassen ruft neue Kräfte, neuen Glauben hervor. Man orientiert sich neu und entdeckt erneut, was Bestand hat und wer Halt gibt. Gott kennt aus erster Hand den Schmerz des Abschieds. Als Jesus sich von seinen Jüngern verabschieden musste, ist es ihm schwer gefallen. Doch er hat die Notwendigkeit des Abschieds erkannt und hat versucht, es seinen Freunden klar zu machen. Jesus mutet uns zu, an das Wiedersehen zu glauben. Wissen ist das nicht. Aber Hoffen. Und in dieser Hoffnung sind wir geborgen. Daraus konnte der Dichter Rilke Mut schöpfen und den Rat weitergeben: „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir …“
Auch in der Skulptur „Das Wiedersehen“ von Ernst Barlach spürt man etwas davon, wie Abschied und Wiedersehen ineinander verwoben sind. Zweifel wird aufgehoben in Glauben, Trauer in Hoffnung. Die beiden Gestalten Jesus und Thomas blicken mit großer Barmherzigkeit aufeinander; die Liebe, deren Quelle Gott ist, zeigt sich stärker als jeder Abschied, stärker sogar als der Tod.
Ich sage also noch einmal „Good-bye“, welches eigentlich eine Abkürzung, ein Segenswunsch ist – „God be with you“. So wünsche ich von ganzem Herzen: Gott sei mit Dir, mit Euch – und freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen!
Ihr
Pfarrer Dr. Jeffrey Myers
Pfarrer Dr. Jeffrey Myers
Verfasst von mvalk_red am Montag, 8. Feb. 10 - 14:10

