„Vergiss die Freude nicht!“ so hieß vor Jahren der Buchtitel des Seelsorgers Phil Bosman. An die Freude in unserem oft schwermütigen Alltag zu erinnern, war ihm ein wichtiges Anliegen. Wohl niemand käme auf Idee ein Buch zu schreiben mit der Überschrift: „Vergiss die Sorgen nicht“. Denn die Sorgen sorgen schon für sich selbst. Um Sorgen brauchen wir uns nicht zu bemühen, die kommen schon von alleine. Sorgen gehören zu unserem Leben. Daher ist es Jesus ein Anliegen, in der Bergpredigt uns den Satz: „Macht euch keine Sorgen!“ mit auf den Weg zu geben. Das ist ja leichter gesagt, als getan. Ein frommer Wunsch: sich keine Sorgen zu machen? Denn wer von uns kennt sie nicht, diese Sorgen?
Wie sollen wir den Satz Jesu verstehen?: „Macht euch keine Sorgen!“ Sollen wir unsere Sorgen und Probleme einfach verdrängen? Oft habe ich den Eindruck, dass ich mir die Sorgen ja gar nicht selbst „mache“, sie fallen vielmehr über uns her, sie holen uns ein wie eine Krankheit oder der Taifun auf den Philippinen, das Erdbeben in Neuseeland, der Tsunami in Japan. Manche Sorgen mögen ja „nur“ das selbst gemachte übersteigerte Hirngespinst in unseren überängstlichen Phantasien sein, aber tatsächlich gibt es doch in unserer kleinen und auch großen Welt Realitäten, die wie Stolpersteine, wie unüberwindbare Hindernisse auf dem Weg liegen und die einen sehr besorgt stimmen können. Und dennoch steht da die Einladung Jesu: Macht Euch keine Sorgen!
Mir scheint, als wolle Jesus uns einmal herausholen aus unseren Häusern und Städten, aus den Büros und Schulen, aus den Baustellen und Krisenherden unseres Alltags, heraus aus den aktuellen oft gespenstisch erdrückenden Nachrichten der Medien. Gerade weil er die zahllosen, unheilen und besorgniserregenden Realitäten unseres Lebens kennt und selbst darunter leidet, lädt er uns ein, einmal herauszukommen ins Freie und mit ihm einen Spaziergang durch die Natur zu machen, wenigstens für eine kurze Zeit.
Während manche von uns vielleicht noch von Sorgen und Problemen beladen nach unten schauen, lenkt Jesus seinen Blick nach oben, in den Himmel, wo unbeschwert die Vögel fliegen (Mt. 6,26).
Auf diesem Weg mit Jesus ins Freie geht es darum neben den bedrückenden und sorgenvollen Realitäten unseres Lebens auch noch eine andere Realität wahrnehmen zu lernen: neben dem, was uns das Leben schwer macht, gibt es auch diese wunderbare undschöne Welt. „What a wonderful World!“ singt Louis Amstrong mit seiner unverkennbaren eindringlichen Stimme. Lernen wir mit Jesus, den Blick dafür nicht zu verlieren und uns an dieser faszinierenden Seite der Schöpfung von Herzen zu erfreuen.
„Macht euch keine Sorgen!“ bedeutet aber andererseits auch nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen und alle Geschehnisse tatenlos und damit verantwortungslos über uns ergehen lassen. Denn neben dieser übertriebenen und anmaßenden Sorge, gibt es auch eine vom Evangelium geradezu gebotene Besorgnis die uns zu einem verantwortlichen Handeln und zu allen uns Menschen möglichen Anstrengungen auffordert, um Menschen etwas von einem heileren, gerechteren Leben, kurz: vom Reich Gottes auch schon im hier und heute erfahrbar werden zu lassen. Auch darauf weist das Evangelium hin: Euch soll es zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben (Mt. 6, 33). (gekürzt)
Ulrich Katzenbach,
Pfarrer der Altkatholischen Gemeinde